„Ein Wissen besonderer Art“
 

Musikforschung an einer Musikhochschule – ein Gespräch mit dem neuen wissenschaftlichen Mitarbeiter Michael Kunkel
 
Albert von Schwelm: Herr Kunkel, Sie bekleiden neuerdings das Amt des Forschungsbeauftragten der Hochschule für Musik der Musik-Akademie der Stadt Basel. Was soll hier geforscht werden?

Michael Kunkel: Verehrter Herr von Schwelm, an dieser Hochschule wird bereits geforscht! Die schöpferische Auseinandersetzung mit Musik ist eine Aktivität, aus der fast zwangsläufig Erkenntnisgewinn resultiert.

Dann ist Ihre Stelle ja eigentlich überflüssig.

Nicht ganz, möchte ich meinen. Das Musikdenken von Hochschulmusikern äussert sich gewöhnlich im Musikmachen. Dabei handelt es sich, wie der Musikwissenschaftler Max Haas sich ausdrückte, um „ein Wissen besonderer Art“, das sich zum Beispiel im Unterricht in Spiel- und Zeigehandlungen artikuliert. Meine Aufgabe ist es zunächst, dieses Wissen mitteilbar und diskutierbar zu machen. Das ist die Voraussetzung zu einem Diskurs über Musik an der Hochschule. Dieser kann auf ganz verschiedenen Ebenen stattfinden: in Form von Forschungsprojekten, wissenschaftlichen Publikationen und Tagungen genauso wie in Form von Kursen und Lehrveranstaltungen. Diese Ebenen sollen nicht nur für sich existieren: Wichtig ist, dass „Forschung“ auf die Lehre und auf den Hochschulalltag anregend wirkt – und umgekehrt.

Wollen die Musiker überhaupt etwas mitteilen und diskutieren? Reicht nicht das „Musikmachen“?

Es gibt sicher viele Musikerinnen und Musiker, die ihre Kompetenz im „Machen“ total entfalten können und darin auch vollkommen aufgehen. Von ihnen können Musikforscherinnen und Musikforscher (nicht nur an der Musikhochschule) unendlich viel lernen! Doch gerade in Basel gibt es fast traditionell auch eine starke Gruppe von Musikern, die ihre schöpferische Tätigkeit von sich aus in hohem Mass und zum Teil auf professionelle und verantwortliche Weise reflektieren.  Die unheimliche Kluft zwischen Musikmachen und Musikdenken ist ein Phänomen der deutschsprachigen Region, im angelsächsischen Raum ist das viel stärker verbunden (dort steht zum Beispiel ausser Frage, dass die Musikkompetenz „Komponieren“ mit der Doktorwürde belohnt werden kann). Der Forschungsauftrag an die Musikhochschulen bringt die gute Gelegenheit zu versuchen, diesen Hiatus auf produktive Weise zu überwinden.

Von Seiten der etablierten Musikwissenschaft wird mancherorts Argwohn gegenüber der neuen Forschungsaktivität der Musikhochschulen spürbar.

Dafür habe ich vollstes Verständnis. Stellen Sie sich das einmal vor: Da ist eine Disziplin, deren Selbstverständnis auf einer grossen wissenschaftlichen Tradition gründet, und plötzlich zaubert jemand Musikforschung aus dem Hut! Das ist fast vergleichbar mit der Situation, wenn Handwerker zu Ihnen nach Hause kommen und Sie ihnen zu erklären anfangen, wie man den Defekt, um dessen willen sie kommen sollten, am besten behebt. Profis soll man lieber nicht hineinreden, man verärgert sie nur und kann sich selbst dabei auch ganz schön blamieren. Das gilt aber auch in die umgekehrte Richtung, denn die Leute an der Musikhochschule sind ja alles andere als Laien. Sie besitzen sogar professionelle Kompetenzen, die die Musikwissenschaft so gerade nicht hat. Ich denke da vor allem an den Bereich der praxisorientierten Interpretationsforschung, der von Seiten der Hochschule viel eher angegangen werden kann als von den Musikologen (der Bereich „Interpretation“ ist dort kaum ansatzweise erschlossen). Nun liegt es mir völlig fern, einen solchen Bereich an der Musikhochschule aufzubauen und zu etablieren, um in Konkurrenz zur Musikwissenschaft zu treten. Im Gegenteil: Das Interpretieren, die schöpferische Vergegenwärtigung von Musik ist für beide Bereiche zentral, nur vollzieht sich dies auf verschiedene Weisen, bei uns in der Hochschule für Musik eher performativ, bei den Musikologen eher hermeneutisch. Wir dürfen nicht vergessen, dass die beiden Bereiche zwei Seiten derselben Medaille sind, nämlich der Darstellung der darzustellenden Kunstform Musik. Auf Basis einer Vermittlung von musikalischer Interpretation im Klang und musikalischer Interpretation im Wort wäre ein Dialog mit der Musikwissenschaft äusserst reizvoll. Ein guter Ausgangspunkt der Zusammenarbeit sind in Basel die regelmässigen gemeinsamen Gastprofessuren von Universität und Musikhochschule (sie wurden in der Vergangenheit von Heinz Holliger und Péter Eötvös bekleidet, der nächste Gastprofessor ist im Studienjahr 2007/08 Beat Furrer).

„Forschung“ ist sicher sehr kostspielig, und zum Teil wird sie finanziert durch öffentliche Gelder. Was hat die Öffentlichkeit davon?

Eine Menge. Zunächst hat praxisorientierte Musikforschung, die also nicht unabhängig erfolgt wie an der Universität, automatisch die Aktivitäten und die Lehre an der Musikhochschule zum Gegenstand. Es handelt sich also um ein Regulativ zur Sicherung und Optimierung der Qualitätsstandards der Ausbildung, wenn Sie mir die Verwendung einiger Managervokabeln hier einmal gestatten. Ferner sind unsere Absolventen besonders gut ausgebildet und haben eventuell sogar auch die Möglichkeit, ihr Tun zu reflektieren. Das muss sich aufs künftige öffentliche Musikleben ja nicht unbedingt nachteilig auswirken. Dann gibt es noch einen anderen wichtigen Aspekt: Wenn ich vorhin sagte, Forschung bedeute, Dinge mitteilbar und diskutierbar zu machen, so gilt dies auch und gerade in Richtung der Öffentlichkeit.

Sie betrachten „Forschung“ als Teil der Öffentlichkeitsarbeit?

In gewisser Weise. Ideal wäre, wenn die Diskussion der Forschungsgegenstände nach aussen dringt. Auch deswegen ist die Zusammenarbeit mit der Universität, aber auch mit anderen Musikinstitutionen – in Basel mit der Paul Sacher Stiftung, dem Musikmuseum, auch mit Konzertveranstaltern und den Medien – von grosser Bedeutung. Pointiert gesagt: Die Musikhochschule kann es sich nicht leisten, Vermittlungsarbeit nur den anderen zu überlassen. Sie muss zur Pflege des Musiklebens – dazu gehört auch die Diskussion – aktiv beitragen, Impulse geben und die Verkümmerung nicht nur untätig beklagen. Auch dies wäre ein Arbeitsfeld einer Forschungsabteilung, die sich zur Aufgabe macht, ihre Gegenstände kommunikabel zu machen anstelle nur Archivmaterial zu erzeugen.

Um welche Inhalte handelt es sich denn? Welche Akzente wollen Sie in Ihrer Forschungsabteilung setzen?

Das Arbeitsfeld „Interpretationsforschung“ habe ich schon erwähnt. Ein ganz wichtiger Fokus soll auf dem Gebiet der Neuen Musik und des zeitgenössischen Musikschaffens liegen. Das hat zunächst mit dem Potential unseres Hauses zu tun: Bei uns sind überragende Komponisten und Musikdenker wie Georg Friedrich Haas, Roland Moser, Balz Trümpy und Jakob Ullmann tätig, und es genügt kaum, darauf stolz zu sein. Ein besonders wichtiger Partner sind Erik Oña und sein Elektronisches Studio, jene kreative Zelle mit Leuten, die ihre Arbeit mit dem Anspruch des Forschens ganz selbstverständlich verbinden. Eine andere wichtige Partnerin innerhalb der Musik-Akademie ist natürlich Regula Rapp und die Schola Cantorum Basiliensis, und zwar aus der Perspektive der Aufführungsforschung (der bekannten Domäne dieses Instituts) wie auch aus jener der Neuen Musik.

Sie sehen im Institut für Alte Musik einen Partner zur Erforschung der Neuen Musik?

Aber ja. Denken Sie an das modernistische Paradigma der „experimentellen Sachlichkeit“, das Mauricio Kagel den Aufführungspraktikern der Alten Musik wie den Protagonisten der Neuen Musik bescheinigt (Scholagründer Paul Sacher hätte ihm gewiss zugestimmt).  Ausserdem wäre es ein bisschen töricht, die enorme Erfahrung eines Musikforschungsinstituts zu ignorieren, das buchstäblich direkt vor der Haustür liegt. Eine Art Aufführungspraxis der Neuen Musik ist aus einer ganz elementaren Überlegung heraus notwendig: Leider ist die schöpferische Vergegenwärtigung gerade der Musik aus der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart nicht für alle Musik-Interpreten eine Selbstverständlichkeit. Eine Problematik mag darin liegen, dass viele sich nicht durch bestimmte „Spiel-Traditionen“ abgesichert fühlen. Zwar sind interpretationstheoretische Quellen im Bereich der Musik des 20. Jahrhunderts zugänglich, aber es existieren kaum Ansätze zu ihrer systematischen Auswertung in Hinblick auf den performativ-interpretatorischen Akt. An diesem Dilemma hätte Interpretationsforschung an einer Musikhochschule anzusetzen. Und natürlich kann die Aufführungspraxis der Neuen Musik keine rein historische Disziplin sein: Der enge Kontakt zur heutigen Spiel- und Komponierpraxis ist unabdingbar.

Woran arbeiten Sie momentan?

Momentan ist die Musikhochschule sozusagen mein Forschungsprojekt. Ich möchte herausfinden, mit welchen Partnern sich etwas Lebendiges, Diskussionswürdiges aufbauen lässt.

Sie sprechen immer von Ihren möglichen „Partnern“ …

… weil ich kein Forschungskonzept am Reissbrett entwerfen möchte, um es der Musikhochschule einfach aufzupfropfen, sondern von den Stärken jener Leute ausgehen möchte, die hier arbeiten …

 … aber wie steht es eigentlich mit Ihnen selbst? Welche Qualifikationen als Forscher bringen Sie überhaupt mit?

Ich selbst bin Musikwissenschaftler mit besonderem Interesse für Neue Musik (Promotion über Beckett bei Holliger und Kurtág) und als Publizist tätig, neben meinem Hochschulamt bin ich Chefredakteur der Fachzeitschrift Dissonanz. Ich kann dagegen nicht sagen, dass ich auch auf den anderen Schwerpunkt „Interpretationsforschung“ besonders spezialisiert wäre. Im Gegenteil, ich habe bei mir und vielen anderen Musikwissenschaftlern die Nichtkenntnis in diesem Bereich oft als Manko empfunden und freue mich, das im neuen Umfeld wettmachen zu können.



Das Gespräch führte Albert von Schwelm am 23. Januar 2007 in Basel. Das Konzept „angewandte Forschung & Entwicklung“ der Hochschule für Musik Basel findet Sie auf diesen Seiten.

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